Verwaltungsgemeinschaft

Aktuelle Meldungen

Europa für Bürgerinnen und Bürger – 30 Jahre partnerschaftlicher Dialog

Wir feiern
30. Partnerschaftsjubiläum -
30 Jahre freundschaftliche
Verbindung zwischen
Marktleugast und Pilisszentiván

Anlässlich unseres
30. Partnerschaftsjubiläums,
das wir in diesem Jahr
vom 19. Oktober 2018
bis 23. Oktober 2018 in Ungarn
feiern werden, haben wir für Sie,
liebe Bürgerinnen und Bürger,
Geschichtsbücher gewälzt, in Kartons gekramt,
und uns etwas Besonderes für Sie einfallen lassen:

Das Jubiläumsjahr über, werden wir Ihnen in jeder Ausgabe unseres Mitteilungsblattes sowie auf unserer Homepage etwas über die Verbindung Ungarn-Deutschland, die dahinterstehende Geschichte, das Dorf Pilisszentiván und seine Bevölkerung sowie über die Entstehung und Historie der 30-jährigen Partnerschaft erzählen. Sie dürfen gespannt sein!

Teil 2
Fortsetzung mit dem Auszug aus dem Buch
"Schicksalsweg einer Volksgruppe von Sanktiwan in das Kulmbacher Land"
von Georg Bauer

Familienschicksal
Fortfahrend in meiner Schilderung der Ereignisse von 1944 wird weiter berichtet. Es wurde damals im November 1944 der Personenkreis erfasst, und danach zu einem Transport mit der Eisenbahn zusammengestellt. Die Frauen, Kinder und viele ältere Menschen, aber auch Männer, welche nicht beim Militär waren, wurden in Solymár/Schaumar auf dem Bahnhof einwaggoniert. Der Transport stand noch einige Tage auf dem Nebengleis, da keine Lokomotiven zur Verfügung waren. Während dieser Zeit haben die daheim gebliebenen Verwandten den dort Wartenden täglich warmes Essen gebracht. Wegen der Ungewissheit und des Wartens spielten sich dort täglich ergreifende Szenen ab, welche geprägt waren von dem großen Schmerz des Abschiedes und der Trennung. Auch wurde so mancher Versuch gemacht, die Menschen davon abzuhalten, die Heimat zu verlassen und lieber daheim zu bleiben. Nach einigen Tagen der Ungewissheit und des Wartens fuhr dann der Zug am 27. November 1944 nachts gegen 21.30 Uhr in Richtung Österreich ab.

Nun also war der entscheidende Moment gekommen, wo es kein Zurück mehr gab. Da ja zu dieser Zeit ständig Bombenangriffe durch die Alliierten erfolgten, musste der Transport öfter angehalten werden. So fuhr der Transport Tag und Nacht, einer ungewissen Zukunft entgegen. Fuhr der Transport zunächst durch Ungarn und Österreich, kam er nachher nach Deutschland. Der Transport fuhr dann durch Niederbayern und später durch die Oberpfalz, um dann schließlich in Neumarkt/Oberpfalz einen längeren Aufenthalt zu nehmen.

Dieser Aufenthalt diente auch einer ärztlichen Untersuchung und formaler Registrierung, sowie einer hygienischen Maßnahme, da man ja seit Tagen unterwegs war. Bei diesem Aufenthalt gab es auch entsprechende warme Verpflegung. Bei diesem Transport waren auch Ehepartner, welche aus Mischehen als Ungarn dabei waren. Diese sprachen meistens ein schlechtes Deutsch, allenfalls ein wenig schwäbischen Dialekt, und so sagte z.B. ein gewisser Herr Neumann, nachdem der Transport weiter fuhr, in einer launigen Unterhaltung:

"Hab ich gegessen, einen Teller Reisaus."

Nach dem Zwischenaufenthalt und der lustigen Begebenheit, ging die Reise weiter in nördlicher Richtung. Nach weiteren Tagen gelangte der Transport nach 10 Tagen, die nicht enden wollten, nach Oberfranken.

Am 6. Dezember 1944 wurde der Transport in Ludwigschorgast auf dem Bahnhofgelände angehalten. Hier wurden nun hauptsächlich die Bewohner von Sanktiwan und noch einige andere Familien aus der Umgebung von Sanktiwan, ausgeladen. Die Sanktiwaner wurden dann auf die drei Ortschaften Marktleugast, Kupferberg und Ludwigschorgast verteilt. Der überwiegende Teil vom Transport, ca. 40 Familien, wurden in die größte Ortschaft, nach Marktleugast, transportiert. Für den Transport standen Lastkraftwagen zur Verfügung. In Marktleugast, wie auch in den anderen Orten, waren schon sämtliche Tanzsäle in den Gasthöfen, sowie auch Räume in den Schulen, für die Aufnahme der Flüchtlinge hergerichtet. Allgemein hieß es damals unter der Bevölkerung, es kommen ungarische Zigeuner. Dazu muss man sagen, dass der Informationsstand sehr begrenzt war, und die Menschen nicht so genau Bescheid wussten. Wie dem auch sei, die Ankömmlinge wurden dann auf die erwähnten Räumlichkeiten verteilt. Jede Familie, je nach Personenzahl, bekam ein Geviert zugeteilt. Das Geviert haben sich die Familien mit allen möglichen Sachen, wie Decken, Bettlaken u.v.m. abgegrenzt, danach wurden die Matratzen auf dem Fußboden ausgelegt und das mitgebrachte Bettzeug gerichtet. Unsere Nachkommen können sich das wahrscheinlich nicht so recht vorstellen, wie das damals aussah. Schließlich war ja das ganze Hab und Gut in Säckchen, Kisten, Koffern und anderen Behältnissen verstaut.

Jedenfalls waren die Menschen in den ersten Tagen damit beschäftigt, sich möglichst einzurichten und das Hab und Gut zu sichern. Zunächst wurden die Ankömmlinge aus einer Gemeinschaftsküche verpflegt. Danach, als ich die Menschen einigermaßen zurechtfanden, waren ja die Lebensmittelmarken, und die Familien begannen selber zu kochen und eine gewisse Normalität des Familienlebens zu praktizieren. Da es damals in Deutschland, zumindest unter den Flüchtlingen, auch so etwas wie Hungersnot gab, wurde von dem Mitgebrachten zugesetzt. Nunmehr wagten sich vornehmlich junge Leute, in diese Notquartiere, dort konnten sie feststellen, dass diese Leute ja auch Deutsch sprechen, wenn auch schwer verständlich, aber dennoch. Zum anderen staunten die jungen Leute nicht schlecht darüber, was diese Flüchtlinge alles mitgebracht hatten. So unter anderem Fleisch und Wurstwaren, Schweinefett und anderes mehr. Dazu muss man sagen, dass die meisten, bevor sie Ungarn verließen, noch ein Schwein geschlachtet haben und dieses mit nach Deutschland brachten. Nach einer gewissen Zeit wurden auch die Kisten und Koffer und anderes Gepäck ausgepackt, darüber staunten dann die Einheimischen noch mehr, als sie sahen, was die Leute alles mitgebracht hatten. Da war neben der üblichen Wäsche und Bettzeug teilweise auch hochwertiges Porzellan u.v.m., welches man nicht vermutet hätte. Meine Mutter hatte sogar ein Liegesofa mitgebracht. Dazu eine Begebenheit, welche bis heute uns im Gedächtnis blieb.

In dieser Zeit der Ereignisse war ein deutscher Wehrmachtssoldat aus Dresden (Name entfallen) bei uns im Quartier, diesem hatte es meine Mutter zu verdanken, dass sie dieses Liegesofa mit nach Deutschland brachte. Am letzten Tag, bevor der Transport abfuhr, kam ein Lastwagen der Wehrmacht zum Bahnhof, und der Fahrer rief nach unserer Mutter. Als er unsere Mutter gefunden hat, sagte er: "Frau Bauer, ich habe Ihnen das Sofa gebracht, und dieses nehmen Sie mit nach Deutschland, und als Schlafstätte für die Kleinkinder im Zug wird es dankbare Dienste tun." So war es dann auch, er sagte aber auch: "In Deutschland gibt es keinen verrosteten Nagel, weil alles für die Rüstung gebraucht wird." Wie Recht er haben sollte, erfuhren wir ja später. Übrigens, dieses Sofa existierte noch bis in die Jahre 1970-1975.

Allmählich kam die Weihnachtszeit, und da geschah es, dass ein Mädchen (Hümmer Klara) in den so genannten Fleischmannsaal (Fleischmann-Wirtshaus) kam. Sie ging von Familie zu Familie und sagte, sie hätte eine kleine Wohnung für eine Frau mit einem Kind. Zufällig sprach sie unsere Mutter an, diese aber sagte: "Ich möchte die Wohnung schon, aber ich habe zwei Mädchen und einen Sohn, welcher noch nicht hier in Deutschland ist. Außerdem ist da noch mein Mann, welcher noch im Krieg ist."

Ab hier, verehrte Leser, möchte ich allmählich in das Schicksal meiner, bzw. unserer Familie einschwenken, weil man ja nicht jedes Schicksal einzeln darlegen kann, aber im Wesentlichen gleichen sie einander.

So kam es also, dass meine Mutter noch vor Weihnachten mit meinen beiden Geschwistern in das Zimmer einzog. Das Zimmer war ca. 15 m2 groß, und in diesem Zimmer spielte sich nunmehr das Familienleben mit all seinen Geschehnissen ab. Hauptsache aber war die Tatsache, man war für und unter sich, und so wurde dann das erste Weihnachtsfest fern der Heimat begangen, aber von feiern konnte keine Rede sein. Feiern deswegen nicht, weil die Familie ja noch zerrissen, der Vater im Krieg, der Sohn in der Fremde war, und man wusste nicht wo er ist. Ich selbst bin ja schon am 1. November 1944 von daheim weg. Wie schon eingangs erwähnt, war ich auf dem deutschen Gymnasium in Budapest und im dortigen Internat. Diese beiden Institutionen wurden bereits am 1. November 1944 evakuiert und kamen nach Reichenberg im Sudetenland (heute: Liberec, Tschechien). Meine Eltern wussten aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wohin die Reise ging. Zu allem Überfluss musste mein Vater am 2. November 1944 zum Militär, das wiederum wusste ich dann nicht mehr. Nur einem sehr glücklichen Umstand war es zu verdanken, dass mein Vater nach Wien kam, und dort einen meiner Professoren vom Gymnasium traf. Dieser gab ihm auch die Anschrift von mir, und so wussten wir zumindest voneinander den Aufenthalt. Zwischenzeitlich erfuhr mein Vater in Wien bei einer Auskunftsstelle, dass ein Flüchtlingstransport von Schaumar aus Ungarn nach Deutschland fuhr und unsere Mutter mit den beiden Mädchen höchstwahrscheinlich dabei ist.

Dazu sei gesagt: Bevor mein Vater in den Krieg zog, sagte er noch zu meiner Mutter, wenn die Kriegsfront bedrohlich nahe komme und die Bevölkerung von der Wehrmacht zur Evakuierung aufgefordert werde, auf jeden Fall mit den Kindern wegzugehen. "Packt zusammen, was geht, und nichts wie weg." Inzwischen konnte er auch erfahren, dass der Transport in Marktleugast/Oberfranken angekommen ist. Daraufhin erhielt mein Vater Fronturlaub und suchte die Mutter mit den beiden Mädchen in Marktleugast auf. Gleichzeitig konnte er der Mutter den Aufenthaltsort von mir bekannt machen, nunmehr konnten wir uns gegenseitig in Briefen verständigen. Die Zeit schreitet ja bekanntlich weiter, und so kam das Frühjahr 1945. Der Krieg war ja schon in das Deutsche Reich eingebrochen, und die Front ging immer tiefer in das Land hinein. So auch im Sudetenland, wo ich war. Ein geregelter Unterricht war schon lange nicht mehr gewährleistet, und wir waren uns völlig selbst überlassen. In dieser Phase der Entwicklung hat meine Mutter die Initiative ergriffen und hat einen Mann (Sebastian Brandhuber) nach Reichenberg geschickt, um mich und noch zwei andere Schüler mit nach Marktleugast zu holen. Am 10. März 1945 kam ich damals als 14-jähriger nach Marktleugast. Nicht lange danach, im April 1945, kamen ja dann die amerikanischen Streitkräfte und besetzten auch Marktleugast. Der Krieg selber endete ja bekanntlich am 8. Mai 1945 mit der Kapitulation von Deutschland.

Mein Vater geriet in Österreich, bezeichnenderweise sogar in Braunau am Inn, in amerikanische Gefangenschaft, und wurde aber schon sehr bald, es war im Juni 1945, nach Marktleugast zu seiner Familie entlassen. Ab jetzt war die Familie wieder vollzählig und in Frieden vereint. Die Wohnverhältnisse sind jetzt natürlich zu eng geworden, aber gottlob hatten wir sehr gute und verständnisvolle Hausleute (Familie Fritz Hübner), welche mit uns Einsehen hatten und uns halfen, wo es nur ging. Wir bekamen also noch eine Küche in einem Anbau, dazu noch ein Zimmer, und später noch eines. Nunmehr konnten wir ein fast normales Familienleben führen, und es wurden auch schon wieder Pläne geschmiedet. Die Amerikaner waren ja im Prinzip angenehme Besatzer, und gerade wir Kinder fanden dies als sehr angenehm. Der Zufall wollte es, dass unter den Amerikanern einer war, der ungarisch sprach, und dessen Eltern aus Ungarn stammten. Wir Kinder nutzten natürlich die Gelegenheit und verständigten uns mit ihm auf Ungarisch, was ihn natürlich auch freute, dadurch hatten wir gewisse Vorteile bei ihm und bekamen so manchen guten Happen. Es gab ja zu dieser Zeit noch immer die Lebensmittelkarten, und man bekam zumindest das, was auf den Lebensmittelkarten drauf stand. Später wurde es schlechter, aber darauf möchte ich jetzt eigentlich nicht weiter eingehen.


Pilisszentiván


Es gab damals unter den Sanktiwanern einen Mann, welcher das Gerücht verbreitete, dass die Ungarn wieder zurück in ihre Heimat könnten. Diesem Gerücht ging dann mein Vater und noch andere Männer nach, und erkundigten sich beim Landratsamt Stadtsteinach bei der Kommandantur der Amerikaner. Dort bekamen sie die Auskunft, es könnten nur Ungarn heim, nicht aber die in Ungarn als Schwaben bezeichneten Deutschen (Volksdeutschen). Das wollten oder konnten viele nicht verstehen, und so kam es, dass viele, ja die meisten, wieder ihr Hab und Gut zusammenpackten, und sich zur Heimkehr entschlossen.

Zu einer Heimkehr, mit großer und vielfacher Ungewissheit behafteten Unternehmung. Diese Menschen wurden dann mit Lastkraftwagen der Amerikaner nach Bamberg transportiert. Dort wurde der Eisenbahntransport zusammengestellt, bevor aber einwaggoniert wurde, sagte ein amerikanischer Offizier, welcher ungarisch sprach, es könnten nur die echten Ungarn heim, nicht aber die Schwaben (Volksdeutsche). Daraufhin sagte ein alter Mann aus Sanktiwan: "Des wa i jo, owe ungarisch kau i net", und deutete auf die Masche (Textilband mit den Farben der Ungarn: rot-weiß-grün).

Man hatte dem Mann dieses Textilband an die Jacke geheftet und aufgeboten, nur ungarisch zu sprechen, was er aber nicht konnte. Mehrere Familien haben sich dann entschlossen, wieder nach Marktleugast zurück zu kehren. Glücklicherweise wurden sie wieder von den Hausleuten aufgenommen.

Eine Begebenheit, als diese Menschen mit den Lastkraftwagen nach Bamberg transportiert wurden, ist mir heute noch in bester Erinnerung. Eine schon damals ältere Frau stand an der hinteren Bordwand mit einem Glas Weihwasser und einem Zweiglein von einem Buchsbaum, und besprühte die hier gebliebenen Sanktiwaner. Wie hat sich diese Frau gefühlt, als sie reumütig wieder zurückkehrten! Nun, ein großer Teil derer, die den Schritt gewagt haben, ist dann auch tatsächlich wieder in Sanktiwan angekommen. Unter welchen Umständen, soll hier nicht festgestellt werden. Zumindest mussten sie es damals tunlichst vermeiden, dass bekannt wurde, dass sie in Deutschland waren. Andere, und nicht wenige, hat man an der ungarischen Grenze zurückgewiesen, zum Teil ihnen fast alles Hab und Gut abgenommen, um dann irgendwo hier in Deutschland wieder unterzukommen. So kam es auch, dass die Sanktiwaner in Deutschland weit verstreut sich niederließen. Zum anderen gab es damals, wie fast auch heute, große Arbeitslosigkeit hier in Oberfranken, und so suchten sich die Männer in den verschiedenen Regionen Arbeit und holten später die Familien nach. Daraus entstand damals auch eine kleine Kolonie von Sanktiwanern in Illingen/Württemberg. Mittlerweile wurde es zur Gewissheit, wir werden unsere Heimat nicht wieder sehen. Mein Vater sagte damals, wir bleiben hier, und viele andere auch. So kam es, dass wir uns langsam in das Schicksal fügten und uns einrichteten, so gut es ging.

Mein Vater, von Beruf Zimmermann, fing als solcher bei der Zimmerei Trensch in Steinbach bei Marienweiher zu arbeiten an. Später dann wandte er sich an seinen früheren Arbeitgeber in Ungarn, nämlich an die Firma BALCKE-BOCHUM. Diese Firma baute Kühltürme, so eben auch in Ungarn auf den Ölfeldern von Südwest-Ungarn, wo mein Vater als Monteur arbeitete. Glücklicherweise bekam er sofort wieder eine Baustelle als Führungsmonteur zugewiesen, zwar in Erkenschwick/Westfalen, aber immerhin hatten wir Arbeit. Wir fuhren dann, mein Vater, sein Bruder Rudolf und ich, dorthin und arbeiteten dort. Leider musste mein Vater infolge seiner Kriegsverletzungen nach einer gewissen Zeit die dortige Beschäftigung aufgeben.

Meine Eltern und viele derer, die hier geblieben sind, sprachen damals sehr viel von der Heimat. Man sprach sich gegenseitig Trost zu, und die Menschen besuchten sich täglich (das war schon in der Heimat so Brauch). Ich vergesse nicht, die vielen Tage und Abende, die wir bei der Familie Gabeli (Tischler Matl-Vetter), wo immer viele Sanktiwaner zusammenkamen, verbracht haben. Bei dieser Familie war es auch schon in der Heimat Tradition, dass viele Menschen zusammenkamen. Bei diesen Zusammenkünften war es ganz natürlich, dass die Frauen vorwiegend über das Kochen redeten. Nur gab es damals nicht viel zum Kochen, weil ja zum Teil die Grundstoffe, und erst recht die Zutaten fehlten.

Es war im Jahre 1948, als mein Vater in einer Zeitung eine Annonce las, wo ungarischer Paprika angeboten wurde. Ich meine zu wissen, dass der Mann Höhl geheißen hat. Jedenfalls erzählte mein Vater dies bei der Zusammenkunft, und die Frauen bestürmten ihn, er möge doch Paprika besorgen, damit man die kargen Speisen zumindest in der Farbe der gewohnten Kocherei anpassen könne. Daraufhin wurde eine Probesendung von 5 Kilo bestellt, welche sofort vergriffen war. Aus dieser Begebenheit heraus haben sich meine Eltern entschlossen, 1949 ein Gewürzversandgeschäft zu gründen. Dieses Geschäft habe dann ich, bzw. ich mit meiner Frau, bis 1976 betrieben. Andere haben es auch gewagt, und haben sich selbstständig gemacht. So auch Stefan Miskolci (Schuster Pista), welcher eine Schuhmacherei in Ludwigschorgast mit Schuhgeschäft betrieb. Ebenso ein Bruder meines Vaters, Rudolf Bauer, der ebenfalls eine Schuhmacherwerkstatt mit Schuhhandel gründete, hier in Marktleugast. Leider wanderte die Familie auf Betreiben seiner Frau im Jahre 1956 wieder nach Ungarn zurück. Diese Aktivitäten haben bewiesen, dass sich der Schwabe (Volksdeutsche) nicht unterkriegen lässt. Wie schon im Gedicht von einem ungarndeutschen Dichter gesagt wird:

Der Schwabe von Georg Harnisch
New York, 1970

Wo immer der Schwabe lebt,
er schafft und strebt.
Oft hat man ihn veracht',
wegen seiner Sparsamkeit verlacht.

Der Schwabe wird es immer wagen,
schwere Lasten zu tragen,
seine Ehrenhaftigkeit und sein Fleiß
brachten vielmals den Beweis.

Als Auswanderer und Kolonisten,
viele, die die Urheimat vermissten,
Massen im Sumpf und der Pest umkamen,
die Menschen dies kaum wahrnahmen.

Zuerst mussten sie die Sümpfe roden,
dann wurde mit Blut getränkt der Boden.
Drum heißt es noch heute: zuerst der Tod,
dann die Not und zuletzt das Brot.

Genauso war auch unter den Sanktiwanern, welche hier geblieben sind. War es zunächst Ratlosigkeit, Resignation, man hoffte ja im Stillen immer noch, in die Heimat zurück zu können, so setzte sich immer mehr der Gedanke durch, es war doch ein Abschied für immer. Ich vergesse nicht den schon erwähnten Gabeli (Tischler) Matl-Vetter, ein sehr weiser Mann, der immer sagte:

"Nächstes Jahr trink mer an ungarischen Wein."

Zu mir sagte er:

"Deine Gesellenprüfung wirst du schon in Sanktiwan machen."

Ich hatte nämlich eine Lehre als Zimmermann, ebenfalls bei der Zimmerei Trensch begonnen. Diese Sprüche sagte er von einem zum anderen Jahr, wahrscheinlich im Schmerz um den Verlust der Heimat, ihn betraf wohl am meisten der Verlust seiner überaus geliebten Heimat und seiner Bauernstelle in Ungarn. Schließlich aber, war es gerade er mit seiner Familie, der sich als Erster ein Haus gebaut hat und eine neue Existenz als Landwirt gründete. Sein größter Stolz waren nämlich seine Pferde, welche er noch aus der Heimat mitbrachte, diese waren wohl auch der Grundstock bei der Gründung seines Anwesens. Andere zogen nach und schufen sich ebenfalls Eigenheime. Allmählich fügte man sich, und der Schmerz um den Verlust der Heimat trat nunmehr langsam in den Hintergrund. Die Tatsache, dass man sich jetzt eine neue Heimat geschaffen hat, beflügelte die Menschen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Der Wunsch, nunmehr für alle Zeit in Frieden und Freiheit unter Menschen gleicher Wurzeln zu leben, war letztlich der Beweis, man ist heimisch geworden, ohne die alte Heimat zu vergessen.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Wir, die Deutschen aus Ungarn, hier im Besonderen die Sanktiwaner, haben unser Schicksal gemeistert, und es verdient schon einiger Bewunderung, mit welchem Mut und Zielstrebigkeit dies geschah. Weiterhin ist festzustellen, dass unsere Landsleute hier in der neuen Heimat zu großem Ansehen und einem bescheidenen Wohlstand gelangt sind. Es kann aber auch festgestellt werden, dass wir durch Fleiß und Ideenreichtum entscheidende Impulse beim Aufbau des neuen Deutschland eingebracht haben. Auch haben Männer aus unseren Reihen im kommunalen Aufwärtsstreben der Gemeinde von Marktleugast, ihren Beitrag geleistet, hier waren es Josef Bauer, sowie Josef Hermann, welche im Marktgemeinderat vertreten waren. Trotz dieser Verdienste, die wir uns hier erworben haben, wurde die alte Heimat nie vergessen, wo noch viele unsere Verwandten leben. So verwundert es nicht, dass wir schon seit Jahrzehnten unsere Heimat und die Menschen dort besuchen. Auch werden die verwandtschaftlichen Kontakte bis heute als selbstverständlich gepflegt. Vielen von uns schmerzt es im innersten der Seele noch immer um die verlorene Heimat. Der schönste Beweis, dass wir die Heimat nie vergessen haben, dürfte wohl die von mir initiierte Gemeindepartnerschaft mit Sanktiwan vom Jahre 1988 sein, welche eine nie geahnte positive Entwicklung genommen hat. So gelang mit dieser Verbindung der Brückenschlag, welcher den Bogen über fast drei Jahrhunderte gespannt hat, und nunmehr sich der Kreis geschlossen hat, sowohl in der Geschichte einer Volksgruppe, aber auch, und vor allem, im Verständnis der Menschen untereinander.


Die Gemeindepartnerschaft besiegeln auch die Flaggen des Marktes Marktleugast und Pilisszentiván.


In einem Gedicht, dessen Verfasser leider nicht bekannt ist, kommt die so gepriesene Heimatliebe ganz zum Tragen.

Heimatlieb'

Was einst uns lieb und teuer war,
zurück ist es geblieben.
Vergangen sind schon viele Jahr',
dass wir von Haus geschieden.

Der Weg war weit, der Abschied schwer,
und mühsam das Neubeginnen.
Man fragte uns, wo kommt ihr her,
uns blieb kein langes Besinnen.

Es musste weitergehen, mit Mut und ohne Verzagen.
Und heute, wo wir wieder eine neue Heimat sehen,
im Lande unserer Ahnen,
doch eines konnte man uns nicht nehmen:

die Liebe zum Heimatort.
Wir werden ihn immer ehren,
in unserem Herzen lebt er fort.

Wir wünschen unseren daheim Gebliebenen, sie mögen von solchen Schicksalsschlägen in Zukunft verschont bleiben, und wünschen auch unserem Vaterland Ungarn:

Gib, o Herr, dem Ungarnland
Frohsinn, Glück und Segen,
Reiche schirmend ihm die Hand,
Geht's dem Feind entgegen.
Scheuche Unglück und Gefahr,
Bringe ihm ein frohes Jahr,
Hat es doch durch Not und Leid
Gebüßt für alle Zeit!

Bevor ich mit meiner Schilderung und der Dokumentation zum Ende komme, möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich, wie schon erwähnt, im Schlusskapitel meiner Schilderungen das Schicksal unserer eigenen Familie geschildert und skizziert habe. Die Schicksale haben sich ja im Wesentlichen in gleicher Weise zugetragen. Was lag also näher, als eben die eigene Familie zu schildern, ich bitte trotzdem um Ihr Verständnis. Bevor ich meine Schilderungen endgültig schließe, möchte ich dem Mutterland und dem Land unserer Ahnen einen aufrichtigen Dank sagen für die Aufnahme vor vielen Jahrzehnten.

von Josef Werneth

Wir danken Dir, o Mutterland,
dass Du uns aufgenommen,
als wir hier angekommen,
die meisten mit leerer Hand.

Wir flohen vor der Feindesmacht,
vor Not und Tod und Schrecken,
nicht Mitleid zu erwecken.
Für immer war es nicht gedacht.

Wir wussten, dass Du Sorgen hast.
Du schenktest uns Vertrauen,
Du konntest auf uns bauen.
Wir wollen mehr sein als nur ein Gast.

Wir wollen Dir zur Seite stehen.
Mit gleicher Sprache und Sitten
sind wir keine Dritten,
Du kannst in uns Dich selber sehen.







In ehrendem Gedenken an Georg Bauer (verstorben am 14.05.2015),
dem Ursprung und Initiator dieser freundschaftlichen
und starken Partnerschaftsverbindung.

Demnächst folgt die Fortsetzung zum Thema "Das Dorf Pilisszentiván und seine Bevölkerung".